Mit ihrem Engagement im privaten Hörfunk lassen sich die 15 in der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Rundfunk (aer) zusammengeschlossenen evangelischen Redaktionen auf ein besonderes und zukunftsträchtiges Kommunikationsfeld ein, das zudem im Blick auf die Marktanteile den öffentlich-rechtlichen Bereich mittlerweile deutlich hinter sich gelassen hat. Die privaten Sender finanzieren sich fast ausschließlich durch Werbung und sind somit auf möglichst hohe Einschaltquoten angewiesen, die ihnen dann genügend Aufträge aus der Werbewirtschaft garantieren. Ihr Ziel ist es daher, sich so weit wie möglich auf die Bedürfnisse ihrer Hörer einzustellen, sie nicht zu irritieren und möglichst langfristig an sich zu binden. Viel Musik, kurze Informationen, Service und vor allem fröhliche Unterhaltung: Das ist die Mischung, die es den Menschen leichter machen soll, gut gelaunt durch den Tag zu kommen. Die unangenehmeren Seiten des Lebens wie Krankheit, Tod und Sterben werden von den Sendern eher ausgeblendet.

Vor diesem Hintergrund befinden sich die evangelischen Privatfunkredaktionen wie kaum eine andere publizistische Einrichtung der Kirchen in einem Spannungsfeld zwischen „Markt und Mandat“ (Titel des 1997 vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland herausgegebenen Publizistischen Gesamtkonzepts). Einerseits besteht ihre Aufgabe darin, über den christlichen Glauben, das Leben von Christen und die Lebenswirklichkeit in den evangelischen Kirchen zu berichten, „zum neuen oder erneuten Kontakt zu Christen und christlichen Gemeinden (zu) ermutigen sowie den Schwachen und Entmündigten eine Stimme (zu) geben“ (Grundsatzpapier der Kommission für privaten Rundfunk des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik). Andererseits muss sich die evangelische Privatfunkarbeit auf die durch die kommerziellen Sender geformten Hörgewohnheiten und Bedürfnisse eines Publikums einstellen, dessen Bindung an gemeindliches Leben und dessen Kenntnisse über Glaube und Kirche stark zurückgegangen sind. Zudem werden im Umfeld eines formatierten und professionell präsentierten Programms an die kirchlichen Beiträge nicht nur formal hohe Qualitätsmaßstäbe angelegt, auch inhaltlich müssen sie den Erwartungen an Aktualität, Service und Unterhaltung entsprechen. Denn nur so sind sie keine „Bremse“ im Programm oder gar ein „Abschaltfaktor“, sondern können im Gegenteil dazu beitragen, den Hörerkreis der Sender noch zu erweitern. Denn was in und um die Kirchen herum geschieht, das lässt sich durchaus in spannenden Geschichten erzählen und attraktiv vermitteln.

Anders als im öffentlich-rechtlichen Bereich sind die kirchlichen Privatfunkredaktionen sowohl für monologische Andachtssendungen als auch für journalistische Beiträge zuständig. In ihren Sendungen werden religiöse oder biblische Themen so umgesetzt, dass Information und Botschaft ineinander fließen, etwa durch die Art der Präsentation oder die Zuspitzung allgemeiner Themen auf religiöse, christliche und kirchliche Aspekte. Ziel ist es, die Hörer für die Relevanz der christlichen Botschaft und kirchlicher Angebote zu sensibilisieren, die eigene Zugehörigkeit zur Kirche in Erinnerung zu rufen und auf die Sehnsucht nach dem Reich Gottes angemessen zu reagieren. Dies alles geschieht, indem nicht nur herkömmliche Andachten, sondern das ganze Spektrum journalistisch erprobter Formen verwendet wird, von Beiträgen mit Originaltönen über die Reportage, Hörszenen und Glossen bis hin zu akustisch aufwendig aufbereiteten Mini-Features. Entscheidend ist dabei, dass die Probleme, Ängste, Sehnsüchte und Wünsche der Hörer angesprochen werden, und zwar formatgerecht und glaubwürdig zugleich.

Im privaten Hörfunk ist die evangelische Kirche herausgefordert, eine Gratwanderung zu vollziehen, indem sie einerseits darauf achtet, dass ihre Äußerungen für möglichst viele Hörer verständlich und nachvollziehbar sind, andererseits aber die Besonderheit und Unverfügbarkeit des von ihr vertretenen Angebots deutlich werden. Dabei muss die Kirche von der im privaten Hörfunk dominanten Werbung lernen, Menschen so anzusprechen, dass sie Interesse an ihrer Botschaft und ihren Angeboten weckt. Wichtig ist dabei die Verwendung einer zeitgemäßen Sprache, die von möglichst vielen Menschen verstanden wird. Sie muss Aufmerksamkeit erzeugen, indem sie Anreize bietet, die, gemessen an den normalen Hörgewohnheiten, ungewöhnlich erscheinen. Dazu gehört auch, dass sie sich um Witz, Originalität und Abwechslung bemüht. Schließlich ist die kirchliche Privatfunkarbeit durch die Vorgabe zeitlich knapp bemessener Sendeplätze gezwungen, sich kurz zu fassen, Abschweifungen zu vermeiden und die Konzentration der Hörer nicht zu überfordern.

Die Verpflichtung (auch der landesweiten Sender) zu regionaler Berichterstattung eröffnet die Möglichkeit, durch regionalisierte kirchliche Beiträge die Kommunikation im Nahbereich zu fördern und Gemeinden in ihrer Identität zu stabilisieren. Von Vorteil ist hier die Verankerung der Kirche vor Ort. Indem kirchliche Privatfunkarbeit die bereits vorhandenen Kommunikationsstrukturen nutzt (on air), pflegt und stärkt (off air), kann sie auch selbst eine größere Nähe zu den Hörerinnen und Hörern erreichen. Und schließlich lässt sie so auch Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen an ihrer innovativen Kraft teilhaben.

Tobias Glawion
Andreas Fauth
Dr. Siegfried Krückeberg

Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Rundfunk (aer